Unter einem Joch | Spurensuche | DW

0
20


Es ist ein herrlicher Sommertag in der Eifel. Seit unsere Kinder aus dem Haus sind, nutzen wir so manches Wochenende, um dort vom Alltag in der Stadt abzuschalten und die Schreibtischarbeit hinter uns zu lassen. Unsere Alternative zu Fitnessstudio oder Wellnesshotel ist eine mit Buchenhecken umsäumte Wiese mit üppigen Staudenbeeten und alten Obstbäumen, unsere Fitnesstrainer sind Rasenmäher, Säge und Heckenschere.

Mein Mann und ich ziehen eine große Plane mit Zweigen und Grünschnitt über die Wiese. Dabei geraten wir ganz schön ins Schwitzen. Unwillkürlich drängt sich mir der Vergleich mit einem Ochsengespann auf, das gemeinsam einen Acker bearbeitet. Die Idee, unsere fast 29-jährige Ehe mit dem antiquierten Bild zweier Zugtiere, die unter ein Joch oder in ein Geschirr gespannt sind und gemeinsam eine Last ziehen, gefällt mir irgendwie…

Was Gott zusammengespannt hat

Das archaische Bild der meist paarweisen Zusammenarbeit von Zugtieren unter einem Joch findet sich schon im Alten Testament, dort steht es in der Regel für Belastung, Unterwerfung, Arbeit oder auch Fremdherrschaft. Erst viel später wird das Joch zum Synonym für die Ehe und andere Formen partnerschaftlicher Bindungen. Das sogenannte Joch der Ehe wurde und wird noch immer eher negativ gedeutet.

Im Neuen Testament benutzt auch Jesus in seinen Aussagen zur Ehe dieses archetypische agrarische Bild. In der Auseinandersetzung mit den Pharisäern über die Ehescheidung sagt er: „Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie männlich und weiblich erschaffen. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was aber Gott zusammengefügt hat, das darf der Mensch nicht trennen“, heißt es im Markus-Evangelium (10,6-9). „Was Gott zusammengefügt hat…“ lautet wörtlich übersetzt: „was Gott zusammengespannt hat“ – nicht unbedingt ein romantisches Bild, das Jesus dort von der Ehe zeichnet, aber ein realistisches und möglicherweise auch ein alltagstaugliches.

Denn ist es nicht so, dass wir in der Ehe oder in einer anderen Partnerschaft an manchen Tagen oder auch Wochen unter dem uns auferlegten Joch einfach in eine Richtung sehen und auch gehen müssen? Dass es dabei zu Spannungen kommt, wenn zwei zusammengespannt sind, ist nichts Ungewöhnliches. Spannungen, die es gilt auszuhalten, wenn vielleicht die Zeit oder der Wille fehlt, diesen Spannungen auf den Grund zu gehen, um sie aus dem Weg zu räumen.

Doch was kann uns helfen, den Partner, die Ehe beziehungsweise Partnerschaft oder eine schwierige Lebenssituation auszuhalten? Denn im Falle, dass einer von beiden plötzlich blockiert oder gar ausbrechen möchte, ist nicht nur das Zweiergespann in Gefahr, sondern auch – bildlich gesprochen – der zu bearbeitende Acker. Der Acker ist unser Leben mit den vielfältigen Beziehungen, in denen wir leben: Kinder, Familie, Beruf, Freizeit, soziale Bindungen und wirtschaftliche Verpflichtungen.

Den eigenen Egoismus überwinden

In der Auseinandersetzung mit Jesus gibt es für die Pharisäer eine einfache Lösung: Wenn eine Ehe nicht mehr funktionieren sollte, macht man eben Gebrauch von der Möglichkeit der Ehescheidung. Dabei beziehen sie sich auf eine alttestamentliche Regelung, die auf Moses zurückgeht: „Mose hat gestattet, eine Scheidungsurkunde auszustellen und die Frau aus der Ehe zu entlassen.“ Jesus hingegen argumentiert aus einem ganz anderen Blickwinkel: „Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben“ (Mk 10,4-5).

Jesus appelliert daran, sich selber zu prüfen und die eigene Herzenshärte, die letztlich nichts anderes ist als der eigene Egoismus, zu erkennen und zu überwinden. Denn wenn einer blockiert oder ausbrechen will, kann das Gespann der Ehe oder Partnerschaft nicht mehr funktionieren. Im Gespann sind beide aufeinander angewiesen. Das mag oft harte Arbeit sein, die einen immer wieder dazu zwingt, über den eigenen Schatten zu springen und sich zu versöhnen. Doch als Gespann, das in eine Richtung sieht und in eine Richtung geht, kann man irgendwann auf einen Acker schauen, der viele Früchte hervorgebracht hat.

 

Christine Hober, Dr. der Theologie, arbeitet als Lektorin und Autorin. Sie lebt in Bonn, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Redaktionelle Verantwortung: Martin Korden, Katholischer Hörfunkbeauftragter, und Alfred Herrmann





Source link