Jazzfest-Leiter Peter Materna: ″Jazz ist Kopfkino″ | Musik | DW

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Als Saxophonist ist der 1965 geborene Peter Materna selbst in der deutschen Jazz-Szene unterwegs. Seit 2010 ist er der musikalische Leiter des Jazzfest Bonn. Mit seinem hochkarätigen Programm hat sich das Festival als feste Größe im Kulturleben der Stadt etabliert. Vom 17. bis zum 31. Mai 2019 präsentiert das Jazzfest Bonn 25 Konzerte mit nationalen und internationalen Künstlern. Erstmals wird es auch ein Open-Air-Event in der Bonner Innenstadt geben.

DW: Herr Materna, wie sind Sie auf die Idee gekommen, ausgerechnet in Bonn, bekannt als Beethovenstadt, ein Jazzfest aus der Taufe zu heben?

Peter Materna: Ich hatte von meiner Seite aus nie vor, ein Festival zu veranstalten. Die Idee ist 2002 nach einer Begegnung mit dem damaligen neuen Kulturdezernenten der Stadt Bonn entstanden. Er kannte mich als Musiker, und als wir über die Kulturszene in Bonn gesprochen haben, hat er mich gefragt, was ich mir neben dem Schwerpunkt Klassik noch in der Stadt vorstellen könnte. Natürlich war die Idee dann ganz schnell da.

Jazz ist neben Pop, Rock und sogar Schlager eher ein Stiefkind der Musikbranche. Woran liegt das Ihrer Meinung nach? 

Es gab eine Zeit, in den 30er, 40er Jahren des letzten Jahrhunderts, in der Jazz sehr populär war. Und als der Pop und die Beatmusik aus England kam, ist der Jazz ins Hintertreffen geraten. Die Popmusik hat dann angefangen, den Markt zu dominieren.

Jazzfest Bonn 2018: Publikum applaudiert (WPR/Schnabel)

Run auf die Karten – auch 2019 war das Festival schnell ausverkauft

War es da nicht ein Risiko, ausgerechnet ein Jazzfest zu eröffnen?

Alle Vorzeichen damals waren sehr negativ, auch weil wir die Finanzkrise hatten und es überhaupt kein Geld in der Kultur gab. Es wurde überall gestrichen. Und ich hatte das Gefühl, dass es sowieso nur mit privaten Unterstützern geht, als ich dann 2008 die ersten Weichen gestellt habe für die Umsetzung des Konzepts. Die Antwort auf Ihre Frage lautet also: Ja, es war total wahnsinnig, aber ich hab’s gemacht.

Das heißt, Sie sind entweder ein hoffnungsloser Optimist oder Ihr Herz schlägt besonders für den Jazz…

Also für den Jazz schlägt es ganz besonders, und optimistisch bin ich auch, denn das, was wir im Jazz tun, impliziert Optimismus. Das heißt, wenn wir uns mit den Fragen, die uns im täglichen Leben beschäftigen, befassen, dann sind die Fähigkeiten, die wir als Musiker täglich leben müssen, genau die, die in der Gesellschaft gefordert sind. Das heißt, wenn man nicht starker Optimist ist, hat man eigentlich schon per se verloren. 

Rebekka Bakken singt und spielt am Flügel (WPR Schnabel )

Die norwegische Musikerin Rebekka Bakken war beim ersten Jazzfest 2010 dabei – und kam wieder

Was reizt Sie denn besonders an der Jazzmusik?

Der Jazz hat sehr viele Qualitäten, die ich in anderen Musiken nicht wiederfinde, und die gerade in der heutigen Zeit das ganze Verrückte in der Welt sehr gut widerspiegeln. Der Jazz fordert sehr viel von den Spielern, und er fordert auch sehr viel von den Zuhörern. Das heißt, man muss in die Tiefe gehen und sich anstrengen. Wir dürfen aber auch einfach genießen, die Augen zumachen und im Kopfkino in eine Welt abschweifen, wie wir sie aus Büchern kennen. Wenn Sie ein fesselndes Buch lesen, dann sind Sie plötzlich in einer anderen Welt. Diese Qualitäten sind auch im Jazz vorhanden, weil die Entwicklungen oft überraschend sind. Das finden Sie in vielen Kunstformen nicht mehr. Ich sage jetzt mal, der Jazz ist da der Fackelträger schlechthin, und ich bin sehr froh, dass er aufgrund dieser Qualität in letzter Zeit auch wiederentdeckt wird und seine Wertschätzung steigt.

Sie setzen ja stark auf Doppelkonzerte. Da spielen junge Nachwuchsmusiker an einem Abend mit Jazz-Größen.

Die Idee ist tatsächlich, Unbekanntes mit Berühmtem zu kombinieren, und das Unbekannte soll aber qualitativ mindestens auf dem gleichen Level sein. Es ist nicht leicht das zu finden, aber immer leichter, weil wir eine fulminante Nachwuchsszene haben. Ich habe um die 10.000 Bewerbungen jedes Jahr, aus denen ich wirklich aus dem Vollen schöpfen darf – und sehr viele davon sind auf höchstem Level beeindruckend. Und das ist auch etwas, was mich bestärkt, dieses Konzept konsequent weiterzuverfolgen, weil die Überraschungsmomente gerade bei den unbekannten Künstlern die allerschönsten sind.

Die vier Musikerinnen der Band Of Cabbages and Kings liegen auf dem Rücken und schauen nach oben (Florian Fries)

Dem Nachwuchs eine Chance: Of Cabbages and Kings präsentiert Neo-A-Cappella-Gesang

Wer geht zum Jazzfest Bonn?

Wir haben zwischendurch mal Umfragen gemacht und festgestellt, dass sehr viele Zuschauer, zum Teil um die 50 Prozent, zum ersten Mal in einem Jazzkonzert waren. Und bei einer anderen Frage haben wir festgestellt, dass ungefähr die Hälfte des Publikums nur Klassik gehört hat bisher. Wir bemühen uns, den Menschen eine neue Qualität durch diese Musik zu geben.

Das Jazzfest Bonn wächst und wächst. Die Konzerte sind jedes Jahr ausverkauft. Wollen Sie nicht langsam expandieren?

Wohin? Das ist die Frage. Der Jazz funktioniert in bestimmten Räumen mit sehr hoher klanglicher und atmosphärischer Qualität. Über 1000 Besucher in ein Jazz-Konzert zu bewegen, geht ohne weiteres. Aber es leidet die Qualität, wenn man das macht. Dann sehen viele nicht mehr, was auf der Bühne passiert. Deswegen sind so Räume wie das Beethoven-Haus zum Beispiel ganz besonders toll, weil man um den Künstler herumsitzt, eine fantastische Klangqualität hat und alles sieht. Das ist eine zauberhafte Atmosphäre.

Was hat sich für Sie als Festivalorganisator verändert? Ist es mittlerweile einfacher, internationale Stars zu bekommen?

Es ist in der Tat so, dass es sehr einfach ist mit den Managern der Stars zu kommunizieren. Sie nehmen uns ernst. Am Anfang war es anders: Wenn man als ein vollkommen neues Festival auf die Szene zugeht, kriegt man oft noch nicht mal eine Antwort. Mittlerweile fragen sie bei uns an.

Manu Katche am Schlagzeug (picture-alliance / Jazz Archiv)

Der französische Schlagzeuger Manu Katché ist international gefragt

Die Stadt Bonn schmückt sich mit dem Label Jazzfest Bonn. Aber macht sich das auch durch finanzielle Zuwendungen bemerkbar?

Es ist so, dass wir im Jazz-Bereich grundsätzlich sehr darum kämpfen müssen, dass wir aus den öffentlich geförderten Programmen und Fördertöpfen ein bisschen Geld kriegen. Wir finanzieren gerade mal zehn Prozent des gesamten Umsatzes aus öffentlichen Mitteln, was sehr, sehr wenig ist, wenn Sie sich Klassik-Festivals vergleichend anschauen. Umso froher bin, ich dass ich private Sponsoren habe.

Wenn Sie jetzt mal zurückblicken auf die letzten zehn Jahre: Welche Konzerte haben Ihr Herz besonders hochschlagen lassen?

Es gab viele, sehr viele einzigartige Momente, und dafür hat sich der ganze Aufwand besonders gelohnt, weil ich diesen Augenblick mit anderen teilen kann. Wenn ich dann im Publikum sitze mit 500 anderen Menschen und dann Konzerte passieren wie mit Django Bates zum Beispiel mit seinem Trio, was phänomenal war. Oder Simone Zanchini, ein Akkordeonvirtuose, den kaum ein Mensch kennt, der 500 Menschen damals in den Bann gezogen hat mit einem Solo, das war wirklich ganz berührend. Und dann natürlich ein unglaubliches Konzert mit Brad Mehldau und seinem Trio in der Oper: unvergessliche Momente, aber davon gab es sehr, sehr viele…

Django Bates am Piano (WPR Schnabel)

Django Bates und seine Band bekamen beim Jazzfest Standing Ovations

Angefangen hat das Jazzfest einst mit einer dreitägigen Veranstaltungsreihe, jetzt hat sich sogar Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier angesagt. Ist das eine Art Ritterschlag für das Festival?

Mich hat das wahnsinnig gefreut, als die Anfrage kam, zum Jubiläum einen Empfang und ein kleines Konzert in der Villa Hammerschmidt zu machen. Ich war wirklich berührt, mich freut diese Wertschätzung unserer Arbeit. Das zeigt auch, dass Jazz in der Gesellschaft an Gewicht deutlich gewonnen hat in den letzten Jahren.

Das Gespräch führte Suzanne Cords. 

Die DW ist langjähriger Medienpartner des Festivals und zeichnet sechs Konzerte für die Audio-Podcast-Reihe “Jazz live!” auf.





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